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Namenlos

Sieben oder acht Tage war es nun her, dass sie sich in diesem gleichförmigen Wald verlaufen hatten. Igor saß auf seinem Rucksack, lehnte rücklings an einem Baumstamm und schaute zum leblosen Körper Saschas, der einige Meter weiter in seinem roten Schlafsack lag. Ihre Vorräte hatten sie schon vor einer Weile aufgebraucht. Kurz darauf hatte Igor sich beim Verlassen eines Hangs das Bein gebrochen. Sascha war sofort bereit gewesen, Igors Gepäck zu tragen. Zumindest bis das Fieber ausgebrochen war. Zwei Nächte hatte Sascha in Schüttelfrost am Waldboden gelegen. Igor war zu ihm in den Schlafsack gestiegen, um ihn zu wärmen. Doch am Morgen des dritten Fiebertags war Sascha nicht mehr aufgewacht.

Alles was Igor noch blieb, waren der Schmerz in seinem linken Bein und die Reue darüber, dass er sich von Sascha zu diesem Ausflug hatte überreden lassen. Eine Wanderung durch die Taiga. Es hatte nach Abenteuer geklungen. Jetzt war Igor sicher, dass er nur noch wenige Tage zu leben hatte. Ohne Vorräte und ohne die Möglichkeit, mehr als hundert Schritte am Stück zur gehen, erlaubte er sich weder Hoffnung noch Illusionen. Er schaute nach oben, wo sich die Spitzen der Nadelbäume vor dem weißen Himmel bewegten. Die Szene verschwamm vor seinen Augen. Igor war sich nie sicher gewesen, ob es einen Gott gab. Doch dieser endlose Wald war ohne Zweifel ein gottloser Ort.

Die Kälte stand ihm in Wolken vor dem Mund. Und obwohl kein Schnee lag, gefroren Tau und Tränen in seinem Bart. In der Dämmerung hörte er das Schnaufen und Rascheln von Tieren im Unterholz. Nachts schaute er ungerührt zu den unzähligen Sternen jenseits der Baumkronen, die ihn und Sascha noch vor wenigen Tagen so beeindruckt hatten. Seine Angst vor dem Einschlafen war zu groß. Zu sehr befürchtete er, nie wieder aufzuwachen.

In den Morgenstunden begannen Schneeflocken wie in Zeitlupe aus dem konturlosen Himmel zu fallen. Igor setzte sich mit Mühe auf. Seine Glieder waren steifgefroren. Er schaute zu Saschas rotem Schlafsack und dachte daran, dass niemand sie erkennen würde, falls man sie eines Tages hier fand. Der Gedanke war ihm regelrecht unerträglich. Ihre Leichen würden namenlos bleiben. Zwei Unbekannte, jeder für sich ein toter Niemand, zwei Kadaver, mehr nicht.

Igor schälte sich aus seinem Schlafsack und holte das Messer aus seinem Rucksack. Sein gebrochenes Bein über den Waldboden schleifend quälte er sich zu Sascha. Er zog seinen reglosen Körper aus dem roten Synthetikstoff und zog ihm die Daunenjacke und die drei Oberteile aus. Seine Glieder waren so steif, dass es lange dauerte, bis Igor ihn von der Kleidung befreit hatte. Dann legte er ihn mit freiem Oberkörper bäuchlings ins Moos. Er beugte sich über Saschas weißen Rücken und hauchte in seine Hände, bis sie Farbe annahmen. Dann legte er die Hände zwischen Saschas Schulterblätter, um die Haut ein wenig aufzutauen. Schließlich setzte er das Messer an. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Klinge in Saschas Fleisch zu treiben. Langsam und gewissenhaft setzte er die einzelnen Schnitte, die sich als rote und klaffende Wunden auftaten ohne zu bluten. Er widmete jedem Buchstaben die nötige Zeit, bis er ihre Namen vollständig ins kalte Fleisch geritzt hatte.

Schwer atmend warf er das Messer zur Seite. Er lief zurück zu seinem Rucksack und stieg in den Schlafsack. Er faltete die tauben Hände vor der Brust und schaute zu, wie der Schnee über ihm durch die Luft wirbelte. Er hoffte, dass die Kälte Saschas Körper lang genug vor der Verwesung bewahren würde. An die wilden Tiere versuchte er nicht zu denken. Dann schloss er die Augen. Und während er einschlief, glaubte er, weiter das Schneetreiben vor sich zu sehen. Und ihm war, als könne er Buchstaben darin ausmachen. Als wären dort Namen, die kaum lesbar in der Luft standen. Und noch im Traum dachte er daran, dass ein Name das Gegenteil der Einsamkeit war, vor der er sich nun nicht mehr fürchtete.