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Archiv für ____

Skizzen zu einer Novelle

Über 30 Jahre hat P. als Archivar einer kaum bekannten Zweigstelle einer weithin bekannten Behörde gearbeitet. Die letzten sieben Jahre bis zu seiner Pensionierung hat er als Leiter des Archivs die Neukatalogisierung des Bestands und die Konstruktion eines dringend benötigten Anbaus dirigiert. Keine leichte Aufgabe, denn auch wenn kaum ein Mensch vom Archiv gehört hat oder weiß, was dort aufbewahrt wird, ist es doch eines der größten Archive der Bundesrepublik. Kein Schild erklärt den Vorbeifahrenden, um was für ein Gebäude es sich bei dem großen Betonblock handelt, der im norddeutschen Hinterland zwischen Viehweiden in den farblosen Himmel ragt. Selbst die Einheimischen, die ganz in der Nähe des Archivs leben, wissen wenig darüber. Und doch steht es seit fast 70 Jahren unbeirrt in der flachen Landschaft und bewahrt die Dokumente einer nebulösen Vergangenheit: das Archiv für ____.

Nach seiner Pensionierung fällt es P. schwer, einen neuen Lebensrhythmus zu etablieren. Seine Frau, die als Lehrerin für Sport und Geschichte an einem Gymnasium arbeitet, schlägt vor, er solle sich ein Hobby suchen oder Projekte rund um Haus und Garten durchführen. Doch alles, was P. beginnt, scheint ihm sinnlos. Ihn beschleicht das Gefühl, nicht länger gebraucht zu werden. Nur die Stunden, die er auf langen Spaziergängen mit ihrer Hündin Maia verbringt, verschaffen ihm Ablenkung.

Im Spätsommer, gut acht Monate nach Beginn seines Ruhestands, beschließt P., ein Buch zu schreiben — eine Mischung aus autobiografischer Erzählung und historischer Abhandlung über das Archiv. In den Folgemonaten füllt er zahlreiche Blöcke und Hefter mit Notizen, er sucht die Dokumente seiner Vergangenheit zusammen und fährt zum Archiv, um sich einige Unterlagen geben zu lassen, von denen er heimlich Kopien anfertigt. Parallel beginnt er, ein Tagebuch zu führen, das seinen Arbeitsprozess dokumentiert.

Die Materialsammlung, welche P. im Laufe der Monate zusammenträgt, wächst erheblich. Seine Arbeit geht gut voran. Schnell hat er die ersten 100 Seiten geschrieben, bald darauf 200. Einige Passagen liest er seiner Frau im Garten vor. Doch ein Problem bereitet ihm schlaflose Nächte: Er kann sich nicht entscheiden, mit welchem Datum sein Werk enden soll. Schließlich ist die Geschichte des Archivs eine fortlaufende, und auch sein eigenes Leben möchte er noch nicht als abgeschlossen betrachten. P. beschließt, die Entscheidung aufzuschieben. Bis sein Werk nach anderthalb Jahren täglicher Arbeit an die Gegenwart stößt.

Einige Tage verbringt P. in einer Art Ohnmacht. Er schläft wenig, isst kaum, ignoriert sogar Maia, die mit der Leine im Mund zu ihm gelaufen kommt. Er kann sich nicht vorstellen, die Arbeit an seinem Werk zu beenden. Als seine Frau vorschlägt, das Schreiben und Dokumentieren für eine Weile ruhen zu lassen und in der Zwischenzeit vielleicht ein paar Verleger zu kontaktieren, entschließt er sich zum genauen Gegenteil. Er will stattdessen die Arbeit fortsetzen, sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart und an den Rand der Zukunft treiben.

Er beginnt, sein Leben und auch die Entwicklungen im Archiv, die er aus der Ferne weiterverfolgt, akribisch zu dokumentieren. Neben seinen Tagebucheinträgen fertigt er zahlreiche Fotos an und bewahrt die Artefakte und Reliquien seines Alltags in Schachteln und Setzkästen in der Garage, die längst zu seinem zweiten Büro geworden ist. Fortan kann er sich von nichts mehr trennen. Benutzte Zahnbürsten, Bartstoppeln, durchlöcherte Socken und bisweilen auch Essensreste werden katalogisiert, fotografiert und beschrieben.

Zunächst bereitet P. die neue Arbeit Freude. Doch bald hat er das Gefühl, nicht länger hinterherzukommen, zu viele Spuren zu produzieren. Er begreift, dass er zur vollständigen Dokumentation seines eigenen Lebens auch den Alltag seiner Frau und der Hündin Maia erfassen muss. Er bringt Kameras im gesamten Haus an, stattet seine Frau mit einem Fotoapparat aus und bittet sie, Tagebuch zu führen.

Wieder hält das Gefühl der Befriedigung nur kurz. Es belastet P., wie eng er in die sozialen Netze eingebunden ist, die er sein ganzes Leben über gewebt hat. Jeder soziale Kontakt kommt ihm vor wie ein loser Faden seines Privatarchivs. Jeder Anruf eines alten Bekannten, jedes Klingeln des Briefträgers, jede Einladung zu einer Geburtstagsfeier versetzt ihn in Angstzustände. Zu allem Überfluss beginnt seine Frau bald, seine Arbeit zu hinterfragen. Sie stellt das Fotografieren und Tagebuchschreiben ein, beschwert sich über die Kameras im Haus. P. versucht allen Widerständen zum Trotz, sein Archiv weiter zu füllen. Bis Maia eines Tages vor ihm in der Garage steht. Sie trägt einen kleinen Karton im Maul, dessen Pappe sich unter ihrem Speichel dunkel färbt. Mit Mühe löst P. ihr das kleine Paket aus dem Gebiss, lüftet den Deckel der Schachtel. Darin liegt eine tote Maus, die er vor Wochen in einer Falle im Keller gefangen hat. Das Tier ist halb verwest. P. schaut Maia an und realisiert, dass auch sie ein loser Faden in seinem Netz ist. Er greift sich die Axt, die zum Holzspalten an der Wand der Garage hängt und enthauptet die Hündin mit zwei weit ausholenden Hieben. Das Blut spritzt bis auf die Kartons und Dokumente, die sich auf seiner Werkbank stapeln.

Schlafwandlerisch verlässt P. die Garage. Die Axt hält er noch immer in der Hand. Bluttropfen sprenkeln sein Gesicht. Er geht ins Haus, wo er seine Frau aus der Küche pfeifen hört. Er schleicht sich von hinten an sie heran. Während er ausholt, dreht sie sich unwillkürlich um. Sie schaut ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er murmelt etwas. Vielleicht eine Entschuldigung. Vielleicht eine Rechtfertigung. Dann spaltet er ihr mit einem entschlossenen Hieb den Schädel.