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Der Fall Norbert Winkler

Man fand die Leiche von Norbert Winkler am Morgen des 12. Dezember 1976 in einem der beiden Lesesäle der New York Public Library. Er lag im Mittelgang zwischen den Tischreihen, die Gliedmaßen verwinkelt abgestreckt, den leeren Blick zu den gemalten Wolken an der Saaldecke gerichtet. Was ein Agent der DDR in New York und noch dazu in der Bücherei zu suchen hatte, gab den Behörden und Tageszeitungen zunächst Rätsel auf. In seinen Taschen fand man lediglich eine Karte von Manhattan und eine Zigarettenschachtel der Marke Cabinet1 — auch deshalb dauerte es einige Tage, bis man den Toten identifiziert hatte. Eine Schusswunde in der Brust ließ wenig Zweifel an der Todesursache. Um einiges geheimnisvoller war das Wort, das Norbert Winkler offenbar kurz vor seinem Tod mit seinem eigenen Blut auf die Fliesen geschrieben hatte: Götze.

Der Tatvorgang wurde von den Behörden bald rekonstruiert. Allerdings wartete man bis zum Jahr 1991, bevor man das Geschehene öffentlich machte. Dies sorgte zum einen für zahlreiche spekulative Zeitungsartikel in den Jahren 1977/78 und zum anderen für ein neu entfachtes Interesse der Öffentlichkeit an dem Vorfall in den Jahren 1991/92.

Folgendes wurde in groben Zügen rekonstruiert:2 Winkler war im Auftrag der DDR nach New York geschickt worden, um den ehemaligen V-Mann Heinz Bronski aufzuspüren. Bronski hatte lange verdeckt für die Stasi gearbeitet, bevor er plötzlich und weitgehend unbemerkt in die Staaten emigriert war. Die Stasi konnte das Verschwinden eines so wichtigen V-Manns nicht akzeptieren und suchte mit allen Mitteln nach Bronski, der schließlich in New York aufgespürt wurde. Bronski hatte offenbar als Doppelagent für die Amerikaner gearbeitet und war mit ihrer Hilfe unbemerkt nach New York gelangt. Winkler wurde nun geschickt, um Bronski aufzuspüren und auszuschalten. Es gelang ihm nach einigen Wochen, Bronski ausfindig zu machen. Dieser hatte unter falschem Namen eine Stelle als Wachmann bei der New York Public Library übernommen, wahrscheinlich vermittelt von der CIA. Winkler lauerte Bronski schließlich in der Nacht zum 12. Dezember während seiner Arbeit auf. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem Winkler getötet wurde. Bronski fand man zwei Wochen später tot in Boston — allem Anschein nach war er nachts betrunken in den Charles River gefallen.

Bis heute lässt sich nicht sicher bestimmen, was das in Blut geschriebene Wort neben Winklers Leichnam zu bedeuten hatte. Drei Theorien dominieren jedoch in der Literatur seit 1991:

  1. Götze ist der Nachname einer Person, die in das Geschehen verwickelt war. Wie Theodor Brehme als erster hervorgehoben hat, gab es tatsächlich einen Stasi-Mitarbeiter namens Jens Götze, den Winkler gekannt haben muss.3 Eine Verbindung zwischen Jens Götze und dem Geschehen um Winkler und Bronski konnte jedoch bis heute nicht gefunden werden.4 Befürworter dieser Theorie machen die Vernichtung von Stasi-Unterlagen im Winter 1989 für ihre Lücken verantwortlich. Kritiker bemängeln, dass es selbst bei einer Beteiligung Götzes unschlüssig sei, warum Winkler diesen Namen auf die Fliesen geschrieben habe.
  2. Götze ist Winklers Bekenntnis zum Kommunismus und zur DDR. Er prangert damit noch im Sterben den götzenhaften Kapitalismus an, dessen Zeuge er in den Wochen der Verfolgung Bronskis in New York geworden ist. Das Wort Götze ist damit Winklers Kritik an der Verehrung des Geldes und der materiellen Güter, die als Götzen des Kapitals angehimmelt werden. Diese These mag zunächst weit hergeholt scheinen, doch ein gewisser kommunistischer Eifer und ein Hang zur Poesie, die Winklers Biografin Sabine Schroth hervorgehoben hat, haben dieser These einige Befürworter eingebracht.5 Kritiker bemängeln jedoch, dass Winkler kaum damit rechnen konnte, dass seine kryptische Botschaft von der Nachwelt verstanden würde.6
  3. Das Wort Götze ist eine falsche Fährte, um die amerikanischen Behörden zumindest eine Zeit lang zu verwirren. Laut dieser These handelt es sich um eine Art Witz auf Kosten von FBI und CIA. Auch zur Stütze dieser Theorie wird Winklers kommunistischer Eifer herangezogen. Kritiker bemängeln jedoch, dass sich ansonsten kaum Anhaltspunkte dafür finden lassen und halten diese Erklärung vor allem für eine Verlegenheitsthese“7.

Es ist gut möglich, dass das Rätsel um das in Blut geschriebene Wort niemals gelüftet wird. Unabhängig davon, welche These letztendlich der Wahrheit entspricht, scheint es allerdings, als habe Winkler (ob unabsichtlich oder bewusst) einen Witz auf Kosten der Nachwelt fabriziert, der vor allem die Historiker und Journalisten betrifft, welche seit nun mehr als 30 Jahren die Bedeutung des Wortes Götze diskutieren und damit jenen Scholastikern und Theologen gleichen, die über die korrekte Interpretation für das Wort Gottes streiten.


  1. Clark, Brian. Murder in the NYPL, New York Times, 13. Dezember 1976, S. 1. Sowohl die Karte als auch die Zigarettenschachtel befinden sich mittlerweile im Archiv für ____, von wo aus sie gelegentlich für Sonderausstellungen zum Kalten Krieg an Museen im In- und Ausland verliehen werden.↩︎

  2. Die folgende Zusammenfassung bezieht sich vor allem auf: Schroth, Sabine (1999). Norbert Winkler - ein Agentenleben, Fischer; & Kusseck, Thilo (2003). Agenten des Kalten Kriegs, Hanser.↩︎

  3. Brehme, Theodor (1994). Norbert Winkler und das Götzen-Rätsel - neue Erkennntisse aus den Stasi-Unterlagen“, Zeitgeschichte 12(3).↩︎

  4. In jüngerer Zeit hat die Historikerin Claire Rawls darüber spekuliert, dass zwischen Winkler und Götze eine Liebesbeziehung bestanden haben könnte. Damit wäre das in Blut geschriebene Wort eine Botschaft an Götze, die festhalten sollte, woran er in seinen letzten Momenten gedacht habe. Da Jens Götze jedoch bereits 1986 gestorben ist, lässt sich diese These kaum weiterverfolgen. Siehe hierzu: Rawls, Claire B. (2021). Speculations About Love During the Cold War Era, HarperCollins.↩︎

  5. Schroth, Sabine (1999). Norbert Winkler - ein Agentenleben, Fischer.↩︎

  6. Brehme, Theodor (2000). Der Fall Winkler, De Gruyter, S. 44 ff.↩︎

  7. Stark, Elisabeth (2004). Faszination und Spekulation um Norbert Winkler - Analyse der makaberen Tendenzen historischer Forschung“ [Konferenzbeitrag], Symposium zu Agentengeschichten des Kalten Kriegs, Dresden, S. 4.↩︎