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Palimpseste

Im erweiterten Sinn ist jeder Text ein Palimpsest, eine Überlagerung und Anhäufung, welche die Zeichen der Vergangenheit bedeckt, ohne sie zu löschen. Jeder Text ist ein Hypertext voller Querverweise, der unsichtbare Netze in die Raumzeit webt.

Die Technik des Palimpsestierens bezeichnet ursprünglich das Abkratzen der Schriftzeichen von einem Pergament zu dessen Wiederverwendung. Die Neubeschriftung war eine Recyclingpraxis, welche den älteren, vermeintlichen entfernten Text jedoch nie ganz zu tilgen vermochte, ihn in gewisser Weise sogar für die Nachwelt konservierte.

Das Palimpsest eignet sich als Metapher für so ziemlich alle kultur- und naturgeschichtlichen Prozesse, von der Evolution bis zum Städtebau, wo jeweils die vergangenen Stadien eines Seins von neuen überdeckt werden. Ganz besonders treffend scheint sich die Palimpsest-Metapher jedoch für das menschliche Gedächtnis zu eignen. Denn einer solchen Gegenüberstellung von Palimpsest und Erinnerung durch den britischen Essayisten Thomas de Quincey verdankt die Metapher ihre heutige Popularität. Dieser schreibt in Suspiria de Profundis, der Fortsetzung zu seinem berühmtesten Werk Confessions of an English Opium-Eater:

What else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, oh reader! is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. And yet, in reality, not one has been extinguished.