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In Zungen

Wenn wir sagen, jemand rede in Zungen, um das Phänomen einer durch spirituelle Ekstase verursachten Unverständlichkeit auszudrücken, wird deutlich, dass Sprache ein verkörperter Akt ist. Ein Zeichen ist stets materiell realisiert, sei es durch Stimmbänder, Hände, Pergament, Platinen oder neuronale Prozesse. Selbst für die vermeintlich göttliche Zungenrede gilt dies ganz ausdrücklich. Erst durch die Zunge wird das göttliche Zeichen Wirklichkeit. Erst im Fleisch wird es tatsächlich Zeichen einer religiösen Verzückung.

Der Begriff Glossolalie, welcher dieses Phänomen fachsprachlich bezeichnet, ist dabei metaphysisch besonders aufschlussreich. Etymologisch geht das Wort auf die altgriechischen Begriffe γλῶσσα (glōssa = Zunge/Sprache) und λαλεῖν (lalein = reden/lallen) zurück. Es hat damit die gleichen Wurzeln wie das deutsche Wort Lallen. Hier zeigt sich eine sprachliche Verbindunglinie zwischen drei Zuständen: der spirituellen Erleuchtung, dem Besoffensein und der frühesten Kindheit. Alle drei Zustände scheinen der Hort einer Wahrheit zu sein, die sich in Begriffen nicht fassen lässt.